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Musical Chicago in Berlin

Theaterstück Gefährten (War Horse) feierte Deutschland-Premiere in Berlin

Am Sonntag, 20. Oktober 2013, feierte das Theaterstück „Gefährten“ („War Horse“) Deutschland-Premiere im Berliner Theater des Westens. Uraufgeführt wurde das mit zahlreichen Preisen, unter anderem sechs Tony Awards, geehrte Stück „War Horse“ im Jahr 2007 in London.

Gäste der umjubelten Premiere in Berlin waren unter anderem Michael Morpurgo, auf dessen Roman das Stück basiert, sowie Basil Jones und Adrian Kohler, Gründer der Handspring Puppet Compagny. Von dieser stammen die Pferde und weiteren Puppen der Show.

Termine und Tickets für „Gefährten“ in Berlin

War Horse
„Gefährten“ – Joey und Topthorn (Szenenfoto London), ©Stage Entertainment/Brinkhoff/Moegenburg

Ist „Gefährten“ nun das angekündigte „Theaterereignis des Jahrzehnts“? Das muss jeder für sich selbst beantworten. Zahlreiche Zuschauer sind bereits rundum begeistert. Jedoch lautet unsere Antwort anders. Und es gibt in unseren Augen auch nur einen passenden, aussagekräftigen Titel – „War Horse“ – für dieses Stück, das offenbar polarisiert, das entweder begeistert oder eben nicht.

Unser Fazit: Mehrfache Blicke auf die Uhr wegen einiger Längen (Albert und Joey schließen Freundschaft, Joey lernt Pflügen, Joey versucht sich aus dem Stacheldraht zu befreien und weitere), ab und an ein Lacher (die Gans), ein Rohrkrepierer (plattes Wortspiel), Freude über besonders herausragende Schauspieler (Philipp Lind, Christian Miebach, Silke Geertz), Begeisterung durch Ausnahme-Schauspieler (Peter Kaempfe, alle Puppeteers, insbesondere Markus Schabbing). Dazu im II. Akt mehrmals Schockstarre wegen plötzlicher extremer Überlautstärke plus Ablenkung durch Gedanken daran, wie viele kriegstraumatisierte alte Menschen oder aus Auslandseinsätzen heimgekehrte Bundeswehr-Angehörige gerade im Saal ohne Vorwarnung mit akustisch realistischen Granateneinschlägen, Schüssen und Explosionen konfrontiert werden oder wie die zahlreichen Kinder das Kriegsgeschehen auf der Bühne inklusive erschossenen Menschen und erstochenen Pferden verkraften. Wer beabsichtigt, mit Kindern in das Stück zu gehen, „weil sie Pferde so lieben“, sollte diese Gründe überdenken. Das Theater ist kein Ponyhof, und die Kinder sollten auf die Handlung zumindest vorbereitet sein.

Einen rundum positiven Eindruck von „Gefährten“ hat Maik Lohse, der zur Zeit bei „Ich war noch niemals in New York“ in Oberhausen auf der Bühne steht und unter dem Blickwinkel des Schauspielers und Sängers begeistert von dem Stück und den Darstellern spricht. Er sagte uns: „Ich bin komplett begeistert von den ‚Gefährten’. Ja, es ist in gewissem Maße schon ein ‚schwerer Stoff’, aber das sind in dem Sinne ‚Miss Saigon’ und ‚Les Miserables’ auch. Die Cast hat es einfach geschafft, mich komplett in die Geschichte hinein zu saugen und mich für und mit den Charakteren fühlen zu lassen. Und ich finde, das ist bei einem Theaterabend doch immer das Wichtigste: emotional bewegt zu werden. Die schauspielerischen Leistungen sind meiner Meinung nach phänomenal und vor allem die Darsteller, die den Pferden Leben einhauchen, sind einfach gigantisch. Denn wenn die Pferde nicht glaubhaft dargestellt werden, hätte es das ganze Stück schwer, zu funktionieren. Ich finde es toll, mutig und wichtig von Stage, so ein Stück zu machen. Ob es beim breiten Publikum ankommen wird, sei dahingestellt und die Zeit wird es zeigen. Aber ich kann es der Cast, dem Theater des Westens und Stage nur von ganzem Herzen wünschen.“

Auch uns hat vor allem die Leistung der Puppeteers, die die Pferde bewegen, beeindruckt – schon allein wegen der enormen körperlichen Herausforderung über lange Zeiträume, die sie überragend meistern. Den Kopf von Joey steuert unter anderem Markus Schabbing. Der junge Darsteller, der seine Ausbildung an der Joop van den Ende Academy erst im vorigen Jahr abschloss, war im Anschluss am Landestheater Schleswig-Holstein als „Kay“ in „Die Schneekönigin“ zu sehen, danach am Thalia Theater Hamburg und spielt nun den Kopf von „Joey“. So muss man es nennen, auch wenn er ihn nur zu bewegen scheint. Doch in absolut beeindruckender Weise und hochkonzentriert versetzt er sich in jeder Sekunde in die Gefühlswelt des Tieres und haucht ihm voller Intensität immer wieder Leben ein, ohne sich selbst vom restlichen Geschehen auf der Bühne oder dem Publikum ablenken zu lassen.

Ebenso erwähnenswert ist die Szene zu Beginn des II. Aktes, in der Peter Kaempfe (spielt ansonsten Ted Narracotts Bruder Arthur) als „Sergeant Thunder“ seinem Rollennamen alle Ehre und den „Gefreiten“ Philipp Lind und Christian Miebach ordentlich Beine macht. Rot angelaufen, mit geschwollenen Adern, fast heraustretenden Augäpfeln und donnerndem Gebrüll staucht er Lind und Miebach dermaßen zusammen, dass sie beim Strammstehen und Zusammenzucken sicher nicht großartig schauspielern müssen.

Eine der besten Szenen des ganzen Stückes. Davon hat es durchaus auch einige weitere.

Die rezensierenden Elemente des Artikels beziehen sich auf die Vorstellung vom 12. Oktober 2013 (neunte Preview).

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Autor des Artikels: Susanne Gröschke