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Musical Chicago in Berlin

Umkämpftes Gebiet: DDR-Erinnerung

Termine und Tickets für Hinterm Horizont in Berlin

Rocksänger Udo Lindenberg, Regisseur Ulrich Waller und Buchautor Thomas Brussig bringen das Musical „Hinterm Horizont“ auf die Bühne und bekommen Beifall für die Story, die Show und die Musik, aber auch dafür, dass „die Repression der Stasi realistisch dargestellt“ wurde.

War die Inszenierung von „Hinterm Horizont“ ein Experiment?
Nein, sie folgte den Regeln eines Genres.

Wir wollen doch einfach nur zusammen sein

Am 13. Januar 2011 feierte das Musical „Hinterm Horizont“ seine Uraufführung am Theater am Potsdamer Platz in Berlin. Es erzählt die Geschichte des Mädchens aus Ost-Berlin, das Udo Lindenberg 1973 in seinem Song „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“ besang.

„Hinterm Horizont“ gehört zum neuen Genre der zeitgenössischen Kunst, das als „DDR-Genre“ oder als „kritische Auseinandersetzung mit der DDR“ bezeichnet werden kann. Es hat seinen Stammplatz gefunden neben dem „Western“, dem „Roadmovie“ und dem „Arztroman“ und zeichnet sich üblicherweise auch dadurch aus, dass die handelnden Figuren und Handlungen stark festgelegt sind.

Kunstwerke aus dem DDR-Genre erzählen überwiegend angelehnte oder frei erfundene Geschichten, in denen eine allgegenwärtige Stasi mit perfiden Mitteln die Bevölkerung vor den Einflüssen von Freiheit und Demokratie schützen will. Zahllose Bücher wurden geschrieben, ein paar Dutzend Filme gedreht, einige Theaterstücke aufgeführt – mit „Hinterm Horizont“ wurde nun die Musicalbühne erobert.


Jessy (Josephin Busch) und Udo (Serkan Kaya), im Hintergrund die Knallchargen von der Stasi, Foto: Brinkhoff/Mögenburg

Im Mittelpunkt von „Hinterm Horizont“ steht die Liebe zwischen dem Rocksänger Udo Lindenberg und der FDJ-Chor-Sängerin Jessy, die durch die Mauer getrennt ist. Die Geschichte wurde durch eine gelungene Einbindung von 26 Udo-Songs, sehenswerten Bühnenbildern und sympathischen Hauptdarstellern anschaulich auf die Bühne gebracht. Die deutsche Öffentlichkeit jubelte vor und nach der Premiere über das Udo-Lindenberg-Musical. Mit einer starken Überzeichnung einiger Figuren und Handlungen setzt es die Tradition der DDR-Genre-Werke „Der Turm“, (Roman), „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ (Spielfilm), „Weissensee“ (Fernsehserie) und vielen anderen fort.

Teile des überwiegend älteren und ostdeutschen Publikums werfen nun auch diesem Stück vor, das Leben in der DDR zu verteufeln, zu übertreiben, zu denunzieren, lächerlich zu machen. Man sei „enttäuscht von dieser westlichen Sicht auf die Geschichte“ und ärgere sich, obwohl man „kein Freund der DDR gewesen“ sei, nun etwas „verteidigen zu müssen“.


Gitarren statt Grenzer-Knarren – Jessy (Josephin Busch), Udo (Serkan Kaya) und Ensemble, Foto: Brinkhoff/Mögenburg

Es stellt sich die Frage: Musste man die Geschichte des Mädchens aus Ost-Berlin so erzählen, dass alle Figuren (Stasi, Kader, Sportler, Flüchtling, Opfer) und Handlungen (Anwerbung, Repressalien, Doping, Flucht, Verzweiflung) so gezeichnet sind, wie sie vom DDR-Genre klassischerweise erwartet werden?

Ja, für das Produktionsteam von „Hinterm Horizont“ gab es keine Alternative. Das Genre musste bedient werden, weil:

Zum einen ist das wirtschaftliche Risiko dieser Musicalproduktion beachtlich und um die hohen Produktionskosten einzuspielen, muss das Stück sehr lange und sehr erfolgreich laufen. Kunstwerke, die sich „kritisch mit der DDR auseinandersetzen“, versprechen hohen Auflagen, hohe Einschaltquoten, hohe Besucherzahlen, viel öffentliches Lob und zahlreiche Ehrungen. Auf Experimente konnte sich Stage Entertainment nicht einlassen.

Zum anderen wäre ein Abweichen vom gängigen Umgang mit der DDR-Auseinandersetzung ein hohes persönliches Risiko für Udo Lindenberg gewesen. Noch im August 2000 spottete „Bild“: „Udo Lindenberg: Schnapsverbot im Hotel“. Heute macht Udo L. Werbung für „Bild“: „Hinter dieser Zeitung steckt immer ein kluger Hut.“ Er konnte sich beim Musical „Hinterm Horizont“ deshalb nicht erlauben, auch nur den geringsten Verdacht der DDR-Nostalgie aufkommen zu lassen. Mit Auftritten vor dem Bundespräsidenten, Bambi-Ehrungen etc. wäre es vorbei gewesen.

Und zum Dritten muss man davon ausgehen, dass das Kreativteam um Regisseur Ulrich Waller und Udo Lindenberg davon überzeugt ist, dass das Leben in der DDR gut widergespiegelt wurde. Das Buch wurde von Thomas Brussig (u.a. Sonnenallee) geschrieben, der als „Experte für den Osten“ (Lindenberg) gilt, Lindenberg konnte in seiner eigenen Stasi-Akte recherchieren. Prominente Persönlichkeiten, auch aus dem Osten, lobten nach der Gala-Premiere das Musical.

Hinterm Horizont Udo Lindenberg
Genscher: „Udo, das ist ein toller Kerl.“ – Udo Lindenberg mit Hans-Dietrich Genscher und Lothar de Maizière am 13. Januar 2011 in Berlin, ©Stage Entertainment

„Hinterm Horizont“ kann guten Gewissens Liebhabern von Udo-Songs empfohlen werden. Die Titelauswahl ist sehr gut gelungen, schmiegt sich an die Handlung an und sorgt für einige Überraschungen. Es ergeben sich sehr schöne Bilder wie die Ballonfluchtszene von Jennys Bruder Elmar mit „Daumen im Wind“. Auch einige Gags, die Thomas Brussigs Handschrift tragen, sorgen für viel Erheiterung bei dem Teil des Publikums, das die Pointen versteht.

Umkämpftes Gebiet: DDR-Erinnerung

Der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) lobte gegenüber der Presse das Stück, weil es „keine Verharmlosung“ darstelle, beurteilte das Theaterstück also in erster Linie danach, ob es politisch korrekt ist und freute sich darüber, dass „die Repression der Stasi realistisch dargestellt“ ist. Solche politischen Anforderungen an ein Musicaltheater sind eigentlich unüblich, bestätigen, was Autor Thomas Brussig gegenüber der „Berliner Zeitung“ auch schon gesagt hat: „Die DDR-Erinnerung ist ein umkämpftes Gebiet.“

Fazit: Wer aus dem Osten kommt und schon ein bisschen älter ist, sollte etwas Gelassenheit ins Theater mitnehmen und sich nicht über diesen ganzen DDR-Quatsch ärgern, der ins Musical reingeschrieben wurde. Das DDR-Genre verlangt nun einmal danach. Und die Öffentlichkeit auch. Davon sollte sich niemand angegriffen fühlen.

Termine und Tickets für Hinterm Horizont in Berlin

CD „Hinterm Horizont – Original Berlin Cast 2011″

Udo L. – Musical aus Ostberlin – Artikel vom 20. Mai 2010

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Autor des Artikels: admin-frank